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Eisenhüttenstadt
Dokumentationszentrum für Alltagskultur der DDR
Sozialistische Utopie und Alltag
"Mit einem Pilgerort zur DDR-Nostalgie hat dieses Zentrum nichts zu tun. Wohl aber mit einem Ort des Erinnerns an Kindheit, Jugend und persönliche Vergangenheit vieler Menschen dieses ehemaligen, real nicht mehr existierenden Landes", schreibt der brandenburgische Kultusminister Steffen Reiche in der Einleitung zu "Alltag und soziales Gedächtnis" (Kuhn/Ludwig 1997) und trifft damit den Ansatz, nach dem das Dokumentationszentrum im heutigen Alltag nicht mehr sichtbare Belege für die Kultur-, Sozial- und Alltagsgeschichte der DDR zusammenträgt. Dabei beschränkt sich das Zentrum auf den Teilbereich des Alltags, der sich auf die materiellen Spuren, die Sachzeugen bezieht. Neben Sammlung und Sichtung ist es die Hauptaufgabe des Zentrums, diese Sachzeugen, so in die dazu gehörigen Handlungsfelder einzubauen, dass der Wiedererkennungswert für die Zeitgenossen erhalten bleibt, sie aber zugleich einer kritischen Nachfrage zur Verfügung stehen.

Abb. 1: "Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR" in Eisenhüttenstadt. Das Museum befindet sich in dem denkmalgeschützten Gebäude einer ehemaligen Kinderkrippe aus dem Jahr 1953. Fotos: Rüdiger Südhoff
Im Jahr 1993 begann die Sammlung von Objekten, Fotografien und unterschiedlichsten Berichten, in denen sich "Norm und Eigensinn" der DDR-Gesellschaft und ihrer einzelnen Menschen widerspiegeln. Inzwischen kann das Mitarbeiterteam auf 50 000 Objekte zurückgreifen, wenn es DDR-Alltagsgeschichte in seinen vielfältigen Facetten lebendig machen will.
Abb. 2: Blick in die Ausstellung "Leben in der DDR": Sie präsentiert in 10 Kapiteln einen Überblick über Alltagskultur und Sozialgeschichte und bietet als dauerhaftes Angebot eine Einführung in das Thema. Hier der Raum zur Sozialpolitik, Frauen- und Familienförderung.
Es wird viel Zeit darauf verwandt, den alltagsgeschichtlichen Kontext der gesammelten Gegenstände herzustellen, indem Gespräche und Interviews mit den Spendern geführt werden. Es bedarf vieler, mitunter widersprüchlicher Geschichten und Erklärungen, die die Schenkenden und Stifter von Orden, Toastern und Spielzeug, aber auch von Agitationsmaterial mitliefern oder erzählen, damit die ausgestellten Objekte ihre DDR-spezifische Bedeutung gewinnen. Die Funktionstüchtigkeit eines Küchengeräts oder auch der Mangel an einem Konsumgut, der ideologische Ballast, mit dem Dinge in den Handel kamen, die gegenseitige Hilfe bei fehlerhaften Geräten und schließlich die Anekdoten - das sind die Ergänzungen, die der Betrachter jeweils mitvollziehen muss. Außerdem ist es für die der historischen Epoche ferner Stehenden wichtig zu wissen, dass ein bestimmtes Objekt einen hohen Symbolwert haben konnte und für eines der vielfältigen regierungsamtlichen Programme und Verordnungen, für das Kohle- und Energieprogramm, für das Komsumgüterprogramm, für die Verordnung über die Schul- und Kinderspeisung usw., stand, die die Rahmenbedingungen der sozialistischen Zukunft schaffen sollten. Diese Einordnung reicht aber für das Ausloten der Wechselwirkung zwischen politischer Absicht und Wirkungszusammenhang etwa eines Haushaltsgegenstandes noch nicht aus. Wissenschaftliche Reflexion ist nötig, um die Objekte und ihre Erfahrungsgeschichte nach ihrem Aussagewert hinsichtlich der DDR-Geschichte und ihrer einzelnen Sparten, z. B. der Berufstätigkeit der Frau, befragen zu können.
Abb. 3: Um 1960 formgestalteter Chic, heute Kultobjekt: Gießkannen aus Kunststoff aus der Sammlung des Dokumentationszentrums.
Das Dokumentationszentrum muss demnach vielem gerecht werden: einerseits muss es sich gegen die Verklärung der Vergangenheit wappnen, andererseits der Sehnsucht der Bevölkerung nach Festhalten der Kindheit oder Erinnerung an eine andere wichtige lebensgeschichtliche Epoche Rechnung tragen. Die Kälte, die wissenschaftlicher Erörterung leicht anhaftet, darf die Freude an der Erinnerung des Einzelnen nicht zerstören. Vor allem aber ist die Erforschung der Alltagskultur von übergeordnetem Interesse, denn sie leistet einen wichtigen Beitrag zur Kenntnis der Geschichte der DDR, ihrer Begründung, ihrer Ziele und ihres Endes. Das Dokumentationszentrum versucht diesen disparaten Anforderungen durch Ausstellungen mit eingegrenzten Themen gerecht zu werden und zu jeder dieser Ausstellungen ausführliche Kataloge mit zahlreichen Aufsätzen - etwa zum Verhältnis eines Regierungsprogramms zum Durchführungsalltag -, Interviews und biografischen Abrissen - etwa zum Thema Frauenalltag - zu erarbeiten. Es befindet sich in einem ständigen Diskurs mit den Objekten, den Spendern und Besuchern, der noch lange nicht abschlossen ist.

Abb. 4: Ausstellungsstruktur, Beschriftungen und ergänzende Lesemappen erleichtern es Schulklassen, im Rahmen eines Unterrichtsbesuchs oder einer Exkursion die Sachzeugen des DDR-Alltags in ihren Kontext einzubauen.
Zur Vorbereitung auf einen Besuch im Dokumentationszentrum empfehlen sich die Ausstellungskataloge, die auch in die übergreifenden Fragestellungen umfassend einführen. Die abgedruckten Bilder und Quellentexte eignen sich für die Verwendung im Unterricht, so z. B. die Auszüge aus der Kinderzeitschrift "Bummi" oder "Objektgeschichten" zu verschiedenen Themen. Im Internet finden sich Inhaltsübersichten der Publikationen. Für die aktuelle Ausstellung gibt die Homepage eine ausführliche bebilderte Beschreibung. Die Dauerausstellung "Leben in der DDR", die laufend ergänzt wird, zeigt Aspekte der Alltagskultur gegliedert nach Bildung und Erziehung, Politik, Generationen, Sozialpolitik, "Handel und Versorgung". Ein rekonstruierter "Dorfkonsum" stellt viele Objekte in ihre alte Umgebung. Je nach Anforderungen des Lehrplans bieten die Mitarbeiter nach einer allgemeinen Einführung eine Führung durch die aktuelle Ausstellung oder einen Teilaspekt der Dauerausstellung an.
Abb. 5: "Das Kollektiv bin ich - Utopien und Alltag in der DDR" heißt die aktuelle Sonderausstellung im Dokumentationszentrum (bis zum 26. August 2001). Sie beschränkt sich nicht auf die DDR-Zeit. Foto: Grappablotto, Berlin
Die Stadt Eisenhüttenstadt, gebaut als "erste sozialistische Stadt" und heute das industrielle Herz der Region Ostbrandenburg, lohnt ihrerseits einen Besuch. Das Dokumentationszentrum vermittelt gern Stadtführungen, die die sozialistische Utopie im Stadtformat vor Augen führen können.
Adresse:
Dokumentationszentrum für Alltagskultur der DDR1
Erich-Weinert-Allee 3
15890 Eisenhüttenstadt
Tel.: 0 33 64/41 73 55
Fax: 0 33 64/41 89 47
E-Mail: info@alltagskultur-ddr.de
Internet: www.alltagskultur-ddr.de
Öffnungszeiten:
Di-Fr 13.00-18.00 Uhr1
Sa/So 10.00-18.00 Uhr
Literatur:
Alltagskultur der DDR.
Begleitbuch zur Ausstellung "Tempolinsen und P 2". Berlin 1996
Arbeitsgruppe Stadtgeschichte (Hrsg.): Eisenhüttenstadt - "erste sozialistische Stadt Deutschlands". Berlin 1999
"Das Kollektiv bin ich ...". Utopien und Alltag in der DDR. Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung. Köln 2000
Fortschritt, Norm und Eigensinn. Erkundungen im Alltag der DDR. Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung. Berlin 1999
Kuhn, G. und A. Ludwig: Alltag und soziales Gedächtnis. Die DDR-Objektkultur und ihre Musealisierung. Hamburg 1997 (Beiträge einer Tagung zur Theorie, den Erfordernissen und Problemen der Musealisierung von Zeitgeschichte vor dem Hintergrund der Gründung des Dokumentationszentrums Alltagskultur der DDR.)
Ludwig, A.: Objektkultur und DDR-Gesellschaft. Aspekte einer Wahrnehmung des Alltags. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 28/1999, S. 3-11
Amrei Stupperich, Hannover